Samstagnachmittag kurz nach halb drei Uhr in der Aula des Sehbehindertenzentrums in Unterschleißheim. Schon bevor man den Saal betreten hat, hört man aufgeregtes Gewusel, Geflüster und Füßescharen. Die ersten Zuschauer und Zuschauerinnen, meist Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter, sind schon da. Fast alle sitzen in der ersten Reihe. Erwachsene – Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels – haben in den hinteren Reihen Platz genommen. Auf der Bühne das Puppentheater – natürlich noch mit geschlossenem Vorhang!
Klar ersichtlich: Hier stehen Kinder im Mittelpunkt! Und die warten ungeduldig und neugierig darauf, dass die Vorstellung beginnt. Sie wollen endlich das Rotkäppchen sehen!
Der Kasperl muss geweckt werden!
Und dann ist es endlich soweit! Florian Bille tritt vor die Bühne, begrüßt herzlich Groß und Klein, gibt ein paar Infos zum Ablauf der Vorstellung und…Nein, der Vorhang hebt sich noch nicht! Erst muss der Kasperl geweckt werden! Der Kasperl und Rotkäppchen? Auch wenn von den Gebrüdern Grimm unterschlagen, hat dieser in der Märchenvorstellung eine wichtige Rolle. Also aufgewacht junger Mann! – Ein Kind klopft so heftig auf den Bühnenboden, dass auch ein Murmeltier aufgewacht wäre.
Jetzt endlich geht es los! Der Vorhang hebt sich! Die Zuschauer und Zuschauerinnen haben einen freien Blick auf die Bühne. Die Märchengeschichte geht ihren Gang mit den Protagonisten Rotkäppchen, Großmutter, Wolf, Jäger, einem Briefträger und natürlich dem Kasperl! Gespielt wird mit den traditionellen Puppen der Familie Bille, die das Marionettentheater seit über 7 Generationen führen. Ganz so alt sind die Puppen nicht, weil vieles auf der Flucht aus der ehemaligen DDR in den Westen verloren ging. Aber gut 50 Jahre haben die Marionetten schon auf dem Buckel – ein Traditionsschatz der Märchenwelt!
Angst vor dem Wolf hat niemand
Die Geschichte folgt – bis auf die Rolle des Kasperls und des Briefträgers – den Vorgaben der Gebrüder Grimm. Passende Musikuntermalung des Geschehens auf der Bühne wird eingespielt.
Der Kasperl fügt sich nahtlos ein. Er ist der Stimmungsmacher, der die Kinder mitreißt, die sich mit Zwischenrufen, fröhlichem Lachen, warnenden Gesten aktiv in das Geschehen einbringen. Angst vor dem Wolf hat niemand. Aber als der Jäger einen Warnschuss in die Luft abgibt, fahren einige vor Schreck doch zusammen.
Eine „Biopause“ gibt es auch
Zwischendrin gab es eine „Biopause“, die Toilettengang und das Stillen von Hunger- und Durstgefühlen ermöglichte. Wer Kinder hat, weiß das zu schätzen! Die Geschichte geht aus, wie Märchen immer ausgehen „….und wenn sie nicht gestorben sind, dann….“. Doch damit ist die Vorstellung noch nicht zu Ende, denn …..der Kasperl muss erst noch schlafen gelegt werden. Florian Bille legt dazu die Kasperlpuppe in die geöffneten Arme zweier Kinder, die den Kasperl hinter die Bühne tragen dürfen – ein sehr begehrter „Job“!
Und jetzt? Wieder heftiges Wuseln, viele Stimmen, die durcheinander sprechen, Das Gesehene muss doch kommentiert, reflektiert und besprochen werden. Man hört es an dem fröhlichen Gerede – es hat allen gefallen. Jacken werden angezogen, alle gehen zum Ausgang und der vorher mit Kinderlärm gefüllte Saal bleibt still zurück.
Vorstellungen nicht nur für Kinder
Ja, das Marionettentheater Bille im Sehbehindertenzentrum in Unterschleißheim ist ein märchenhafter Kulturschatz, der gehegt und gepflegt werden sollte. Das Puppentheater bietet an Wochenenden nachmittags immer wieder Märchenaufführungen für Kinder ab 3 Jahren an.
Natürlich steht nicht nur Rotkäppchen auf dem Programm, sondern eine ganze Auswahl bekannter Märchen, darunterFroschkönig, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und etliche mehr. Zudem gibt es mit Aufführungen von Mozarts Oper Zauberflöte und Der Brandnerkasper schaut ins Paradies auch ein sehenswertes Programm für Erwachsene.
Programminfo und weitere Auskünfte: https://www.marionettentheater-ush.de/