Fünf Tage lang stand Unterschleißheim im Juli ganz im Zeichen des ZAMMA-Festivals des Bezirks Oberbayern. Mehr als 100 Veranstaltungen, zahlreiche Vereine, soziale Einrichtungen, Kulturschaffende und Ehrenamtliche machten das Festival zu einem besonderen Erlebnis für die Stadt. Im Gespräch mit Ushel.news zieht Projektleiter Matthias Riedel-Rüppel Bilanz, spricht über die Auswahl der Gastgeberstadt, seine persönliche Motivation und darüber, warum Kultur weit mehr ist als Unterhaltung. Er erklärt außerdem, weshalb das Festival vor allem Menschen miteinander vernetzen möchte – und welche Lehren Kommunen aus ZAMMA ziehen können.
„Ich möchte Kultur ermöglichen“
Ushel.news: Herr Riedel-Rüppel, Sie sind seit vielen Jahren im Kulturbereich tätig. Was hat Sie dazu bewogen, die Leitung des ZAMMA-Festivals zu übernehmen?
Matthias Riedel-Rüppel: Eigentlich war das zunächst Zufall. Beim ersten ZAMMA-Festival 2015 in Freising fiel die damalige Projektleiterin kurzfristig aus. Ich wurde gefragt, ob ich die Aufgabe übernehmen könne – und habe zugesagt.
Sehr schnell habe ich gemerkt, dass dieses Festival genau das verkörpert, weshalb ich überhaupt im Kulturbereich arbeite. Ich möchte Kultur ermöglichen. Es geht darum, Menschen die Chance zu geben, ihre eigenen kulturellen Fähigkeiten zu entdecken, Interessen auszuleben und gemeinsam Projekte zu entwickeln. Das war schon immer mein Antrieb – sowohl früher in Norddeutschland als auch später in Bayern. Deshalb passt das Festival perfekt zu meinem persönlichen Kulturverständnis.
2017 habe ich das Festival nach Haar mitgenommen, wo ich damals Theaterchef war. 2019 war ich in Garmisch-Partenkirchen an der Ideenwerkstatt beteiligt. Anfang 2022 erhielt ich erneut einen Anruf des Bezirks Oberbayern: Der damalige Projektleiter hatte kurzfristig aufgehört und ich wurde gebeten, die Leitung zunächst kommissarisch zu übernehmen.
Ushel.news: Das Festival hätte eigentlich bereits 2021 stattfinden sollen?
Matthias Riedel-Rüppel: Ja, wegen der Corona-Pandemie musste es verschoben werden. Seitdem findet ZAMMA in den geraden Jahren statt.
Nach dem Festival 2022 bekam ich den Auftrag, das Konzept weiterzuentwickeln und die Projektidee fortzuschreiben. Offenbar hat man sich inzwischen an mich gewöhnt – mein Vertrag läuft derzeit bis 2030. Nach heutigem Stand wird das Festival 2030 das letzte sein, das ich als Projektleiter begleiten werde.
Gute Bewerbung auf dem Papier reicht nicht
Ushel.news: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Austragungsorte aus? Und warum fiel die Wahl in diesem Jahr auf Unterschleißheim?
Matthias Riedel-Rüppel: Natürlich gibt es zunächst einen Kriterienkatalog, anhand dessen wir die Bewerbungen bewerten. Entscheidend ist für uns aber inzwischen etwas anderes: Wir fahren in die Städte, sprechen mit den Menschen vor Ort und versuchen zu verstehen, welche Ideen sie haben und welche Herausforderungen sie beschäftigen.
Uns reicht eine gute Bewerbung auf dem Papier nicht aus. Wir möchten die Menschen kennenlernen, mit denen wir später mehrere Jahre zusammenarbeiten werden.
Ushel.news: Mit wem sprechen Sie dabei hauptsächlich? Mit Bürgermeister oder Stadtrat?
Matthias Riedel-Rüppel: Überraschenderweise zunächst gar nicht. Natürlich brauchen wir die politische Unterstützung, aber in erster Linie sprechen wir mit den Mitarbeitenden der Verwaltung – insbesondere mit dem Kulturamt oder denjenigen, die das Festival später organisatorisch tragen.
2024 kam eine Bewerbung sogar aus der Wirtschaftsförderung. Das war ebenfalls spannend, weil dadurch neue Perspektiven eingebracht wurden.
Daneben spielt auch die Größe einer Kommune eine Rolle. Ein Festival dieser Größenordnung benötigt ein gewisses wirtschaftliches Potenzial. Schließlich entstehen für die Gastgeberkommune Kosten, die nicht unerheblich sind.
Unterschleißheim hat uns durch mehrere Faktoren überzeugt. Mit Jochen Gnauert gab es einen Kulturamtsleiter, dem die Themen Kultur, Inklusion und gesellschaftlicher Zusammenhalt besonders am Herzen lagen.
Außerdem verfügt die Stadt über starke soziale Einrichtungen wie das Sehbehinderten- und Blindenzentrum, die Pfennigparade, die Caritas, die Lebenshilfe oder Regenbogen Wohnen. Diese Akteure bilden ideale Voraussetzungen für ein Festival, das Menschen miteinander vernetzen möchte.
Natürlich gab es auch Interessenten, die in erster Linie neue Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Projekte gesucht haben. Da mussten wir klar sagen: Dafür gibt es andere Förderprogramme des Bezirks Oberbayern. ZAMMA verfolgt ein anderes Ziel.
Letztlich entscheidet übrigens nicht die Verwaltung. Wir erarbeiten lediglich einen Vorschlag. Die endgültige Entscheidung trifft der Bezirkstag.
Ushel.news: Muss auch der Stadtrat zustimmen?
Matthias Riedel-Rüppel: Ja. Der Stadtrat muss grundsätzlich beschließen, dass sich die Stadt beteiligt und zusätzliche Mittel bereitstellt.
Ganz wichtig ist dabei: Diese Gelder dürfen nicht aus dem laufenden Kulturbudget stammen. Sonst würde man bestehende Kulturarbeit einschränken – genau das Gegenteil dessen, was wir erreichen möchten. ZAMMA soll einen kulturellen Mehrwert schaffen und nicht bestehende Angebote verdrängen.
Ushel.news: Über welche Größenordnung sprechen wir dabei?
Matthias Riedel-Rüppel: Nach meinem Kenntnisstand hat Unterschleißheim rund 75.000 Euro bereitgestellt, vor allem für Infrastrukturmaßnahmen. Der Bezirk Oberbayern beteiligt sich mit deutlich mehr als dem Doppelten. Personalkosten sind dabei noch nicht berücksichtigt.
Über den eigenen Verein hinausdenken
Ushel.news: Was hat Unterschleißheim aus Ihrer Sicht von den bisherigen Gastgeberstädten unterschieden?
Matthias Riedel-Rüppel: Ich sehe das nie als Bewertung einzelner Städte. Jede Kommune hat ihre eigene Identität und ihre eigenen Herausforderungen.
Was mich zunächst überrascht hat, war die enorme Zahl an Vereinen, Initiativen und Menschen unterschiedlichster Herkunft. Gleichzeitig hatte ich am Anfang den Eindruck, dass zwar alle sehr engagiert sind, aber häufig eher innerhalb ihrer eigenen Strukturen arbeiten. Ich vermisste zunächst ein wenig den Mut, gemeinsam mit neuen Partnern Projekte zu entwickeln und über den eigenen Verein hinauszudenken.
Die gute Nachricht ist: Ich habe das Gefühl, dass wir genau das mit dem Festival erreicht haben. Wie nachhaltig diese Entwicklung sein wird, kann heute natürlich noch niemand sagen. Aber wir haben viele Gespräche in kleinen Runden geführt, gemeinsam Ideen entwickelt und überlegt, welche Gruppen zueinander passen und welche Projekte gemeinsam entstehen könnten.
Gerade diese Vernetzungsarbeit hat in Unterschleißheim besonders viel Freude gemacht. Sie war intensiver als an manchen anderen Standorten. Natürlich gab es auch hier Herausforderungen. Andere Städte hatten beispielsweise größere Probleme mit der Infrastruktur oder fehlenden barrierefreien Einrichtungen. Jede Kommune bringt ihre eigenen Voraussetzungen mit.
Deshalb geht es für mich nie darum, Städte miteinander zu vergleichen. Ziel des Festivals ist es vielmehr, die Individualität einer Kommune sichtbar zu machen und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Qualität ist wichtiger als Anzahl der Projekte
Ushel.news: Bei der Vielzahl an Veranstaltungen entstand der Eindruck, dass Unterschleißheim besonders viele Projekte auf die Beine gestellt hat. War das außergewöhnlich?
Matthias Riedel-Rüppel: An anderen Orten gab es durchaus schon mehr Einzelprojekte. Entscheidend ist für uns aber nicht die reine Anzahl.
In Unterschleißheim gab es einige kulturelle Leuchtturmprojekte, die inhaltlich außergewöhnlich waren und entsprechend mehr Ressourcen benötigt haben.
Ein gutes Beispiel ist das Projekt des Stadtmuseums. Dort wurden verschiedene Communities aktiv eingebunden, interviewt und gemeinsam mit ihnen eine Ausstellung entwickelt. Beeindruckend ist dabei nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem der gemeinsame Entstehungsprozess. Genau solche Prozesse möchten wir fördern.
Natürlich ist ein solches Projekt kostenintensiver als beispielsweise ein Sprachcafé. Aber genau darin liegt für uns der Mehrwert.
Für uns zählt deshalb nicht, wie viele Veranstaltungen stattfinden. Entscheidend ist, was entsteht, wie Menschen zusammenarbeiten und welche langfristigen Entwicklungen angestoßen werden. Die Anzahl der Projekte ist letztlich nur eine statistische Größe.
Mehr als 10.000 Festivalbesuche
Ushel.news: Gibt es bereits Zahlen zu Besucherinnen und Besuchern?
Matthias Riedel-Rüppel: Die endgültige Auswertung läuft noch. Aber wir bewegen uns ungefähr in der Größenordnung der vergangenen Festivals. Wir sprechen insgesamt von Besucherzahlen im fünfstelligen Bereich. Für ein Kulturfestival dieser Art ist das ein sehr gutes Ergebnis.
Wenn man berücksichtigt, dass Unterschleißheim rund 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat und statistisch etwa ein Drittel der Bevölkerung an mindestens einer Veranstaltung teilgenommen hat, dann zeigt das, welche Bedeutung das Festival erreicht hat.
Besonders beeindruckt hat mich die Situation rund um das Rathaus. Dort liefen zeitweise drei oder vier Veranstaltungen parallel – und trotzdem waren alle gut besucht oder sogar überfüllt.
Mit einer solchen Resonanz hätte ich nicht gerechnet. Ich finde deshalb, dass Unterschleißheim auf dieses Festival wirklich stolz sein kann.
Kultur nicht als verzichtbaren Luxus betrachten
Ushel.news: Welche Empfehlung würden Sie Unterschleißheim nach dem Festival mit auf den Weg geben?
Matthias Riedel-Rüppel: Ich weiß gar nicht, ob Empfehlungen meine Aufgabe sind. Mir ist vor allem wichtig, dass wir uns bewusst machen, welchen Stellenwert Kultur für unsere Gesellschaft hat.
Gerade in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte wird häufig zuerst über Einsparungen im Kulturbereich gesprochen. Ich halte das für den falschen Weg.
Mit den Kulturetats werden kommunale Haushalte nicht saniert. Dafür sind sie in den meisten Städten viel zu klein. Gleichzeitig erleben wir aber, dass es einen großen kulturellen Bedarf gibt.
Wenn kulturelle Angebote über Jahre hinweg so stark gekürzt werden, dass sie verschwinden, dann kommen sie später oft nicht mehr zurück – selbst wenn sich die finanzielle Situation wieder verbessert. Deshalb richtet sich mein Appell nicht nur an Unterschleißheim, sondern an alle Kommunen: Wir dürfen Kultur nicht als verzichtbaren Luxus betrachten.
Kultur schafft Begegnungen, stärkt Demokratie und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig trägt aber auch die Kultur Verantwortung. Sie muss kreativ bleiben, neue Wege finden und ihren Beitrag dazu leisten, dass Kommunen schwierige Zeiten bewältigen können. Es kann nicht heißen: Überall wird gespart – nur bei uns nicht. Beide Seiten müssen ihren Beitrag leisten.
Ushel.news: Vielen Dank für das Gespräch.