In Friedrich Dürrenmatts bekannter Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ steht eine Dorfgemeinschaft im Zentrum, der von der Milliardärin Claire Zachanassian eine Milliarde versprochen wird – wenn diese ihre Jugendliebe Alfred Ill tötet. Damit will sie ihr angetanes Unrecht rächen.
Claire Zachanassian bekam mit 17 Jahren ein Kind, nachdem der zwanzigjährige Ill sie verlassen hatte. Den anschließenden Vaterschaftsprozess verlor sie wegen gekaufter Zeugen und wurde von ihrer Heimatstadt verstoßen. Zachanassian wurde vielleicht nicht im Wortsinn vergewaltigt, aber ein Mann hat ihr Leben vorsätzlich, gewaltsam und systematisch zerstört. Das ist der Ausgangspunkt für das Theaterstück „WuT: Weggeschaut und Totgeschwiegen“.
Perspektivwechsel bei Gewalt gegen Frauen
„Wir fragen uns: Warum ist Claire Zachanassian als ‚Alte Dame‘ bekannt geworden, berühmt für ihre Rache und die Verführung eines kleinen Schweizer Dorfes zur Lynchjustiz – und nicht für ihren Mut, ihren Willen zur Veränderung und ihren Einsatz für Gerechtigkeit?“, erklärt die Unterschleißheimer Theatergruppe „dramat:ush“ in einer Mitteilung.
Aus der Beschäftigung mit dieser Frage entstand das Stück „WuT: Weggeschaut und Totgeschwiegen“. Das Tanz- und Körpertheater wird am Donnerstag 25. Juni und Samstag 27. Juni jeweils um 19 Uhr und am Sonntag 28. Juni um 11 Uhr im Jugendzentrum Gleis 1 gezeigt. Der Eintritt ist frei. Es gilt eine Altersempfehlung von mindestens 16 Jahren. Reservierungen sind unter dramatush@gmx.de möglich
Hintergrund zum Stück
Gewalt gegen Frauen zeigt sich deutlich als Normalzustand, der sich seit der Antike in Geschichten, Erzählungen und der Realität vieler Frauen wiederfindet. Einige, prominente Beispiel aus der Geschichte greift das Thetaterstück auf.
Medea, eine Königstochter der griechischen Mythologie, hatte für den abenteurer Jason alles zurückgelassen, um dann von ihm verstoßen und sozial geächtet zu werden. Artemisia Gentileschi, die bedeutendste Malerin des Barocks, wurde von ihrem Lehrer vergewaltigt und im Gerichtsprozess gefoltert, um zu testen, ob sie bei ihrer Anklage bleibt. Verurteilt wurde der Täter nicht.
Stefanie K. wurde von ihrem Ex-Freund vom Balkon gestoßen und mehrfach mit einem Küchenmesser in den Hals gestochen. Sie trägt heute noch deutliche Spuren der ihr zugefügten Gewalt. Helga B. litt 60 Jahre unter der Depression und den Schlägen ihres mittlerweile verstorbenen Mannes. Heute ist sie dement und erzählt von den guten alten Zeiten. Gisèle Pelicot wurde über zehn Jahre lang unter Betäubung systematisch von zahlreichen Männern vergewaltigt und durch ihren sehr offenen Umgang mit dem erfahrenen Leid bekannt.
Die Theatergruppe dramat:ush
Die Theatergruppe dramat:ush besteht aus zwölf jungen Erwachsene und ihren zwei ehemaligen Lehrkräfte Stefanie Höcherl und Michael Blum. Seit der 6. Klasse am Carl-Orff-Gymnasium vereint, gehen sie mittlerweile vier Jahre nach Ende ihrer Schulzeit immer noch ihrer Leidenschaft nach – und das recht erfolgreich.
Beim Internationalen Theaterfestival „Theatertage am See“ in Friedrichshafen wurde 2025 bereits das dritte Jahr in Folge ein Stück unter der Regie von Michael Blum und Stefanie Höcherl ausgewählt und prämiert. Zum einen gewann die Gruppe 2025 den Publikumspreis, für den alle Teilnehmenden des Festivals abstimmen konnten. Zum anderen erhielt das Ensemble einen von zwei Jury-Preisen.