Stadt hat Straßennamenkommission eingerichtet

Straßennamen werden geprüft

Straßenschilder an der Ecke Carl-von-Linde-Straße und Nördliche-Ingolstädter-Straße (Foto: Peter Marwan)
Bei diesen beiden Straßennamen gibt´s keinen Diskussionsbedarf. Welche diskussionswürdig sind, ermittelt in Unterschleißheim jetzt eine Kommission. (Foto: Peter Marwan)

Der Stadtrat Unterschleißheim hat eine Straßennamenkommission eingerichtet, um die Hintergründe der straßennamengebenden Personen tiefgreifender zu untersuchen. „Straßennamen machen nicht nur die Geschichte der Stadt sichtbar, sondern stellen auch eine besondere Form der Würdigung dar. Im Fall einer straßennamengebenden Person wurde die Stadt auf neuere Informationen aufmerksam und nahm dies zum Anlass für eine genauere Betrachtung“, teilt die Stadt Unterschleißheim mit.

Für die genauere Betrachtung wurde bereits eine Kommission gegründet. Sie setzt sich aus dem Historiker Dr. Andreas Heusler, der Augsburger Historikerin Prof. Dr. Marita Krauss und dem auf die Geschichte Südosteuropas spezialisierten Historiker Dr. Florian Kührer-Wielach sowie den Stadträtinnen Annegret Harms (SPD), Lissy Meyer (Bündnis90/Die Grünen) und dem Stadtrat Martin Nieroda (CSU) zusammen.

Die Kommission traf sich bereits am 26. Juni 2026 erstmalig. „Im Verlauf der nächsten Monate wird diese Kommission unter der Sitzungsleitung von Erstem Bürgermeister Christoph Böck regelmäßig zusammentreten“, teilt die Stadt mit. Es sei geplant, dem Stadtrat bis zum Jahreswechsel 2026/2027 einen ersten Zwischenbericht vorzulegen.

In München wurde das Stadtarchiv 2016 vom Stadtrat mit einer grundlegenden Überprüfung des Katalogs der Straßennamen beauftragt. Dabei wurden insgesamt 45 Straßennamen identifiziert, für die „erhöhter Diskussionsbedarf“ bestehe. So viele werden es in Unterschleißheim nicht werden. Nach Durchsicht der nach Personen benannten Straßen und deren historischer Einordnung hat Ushel.news vier Straßen identifiziert, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Kommission stehen dürften.

Um welche Straßennamen könnte es gehen?

Die Stadt schweigt sich zu den Straßennamen, die in der Kommission diskutiert werden, bisher aus. Aufgrund der Diskussionen in anderen Orten, der Zeit, in der die namengebenden Personen gelebt haben und ihrer heutigen Bewertung kommen folgende Straßen in Betracht.

Ludwig-Thoma-Straße

Der Schriftsteller Ludwig Thoma starb bereits 1921. Er war daher nicht in die Zeit des Nationalsozialismus verstrickt . Nach seinem Tod wurden jedoch zahlreiche antisemitische Texte aus seinem Nachlass veröffentlicht, die heute als deutlich judenfeindlich gelten.

Deshalb wird seine Eignung als Namensgeber in den vergangenen Jahren vielerorts zunehmen kritisch bewertet. Das war zum Beispiel in München der Fall. Die Diskussion wird seit diesem Jahr auch in Dachau geführt, wo Thoma Ende des 19. Jahrunderts mehrere Jahre lebte und arbeitete und wo sein Einakter „Die Medaille“ spielt. Die seit 1966 verliehene Ludwig-Thoma-Medaille verleiht die Stadt München seit 1990 nicht mehr. Sie begründete das mit Verweis auf die im Miesbacher Anzeiger von Thoma erschienenen Artikel mit antisemitischen Parolen.

Hans-Carossa-Straße

Der Arzt Hans Carossa war während der NS-Zeit ein sehr bekannter Schriftsteller. Er trat allerdings der NSDAP nicht bei. Er nahm allerdings kulturelle Ehrungen des Regimes an und wurde von den Nationalsozialisten als Dichter vereinnahmt. 1951 zog er in dem Buch „Ungleiche Welten“ eine sehr selbstkritische Bilanz seiner Haltung zum NS-Regime.

Dafür habe er „großes Lob und Anerkennung“ von Thomas Mann und Alfred Andersch erhalten, schrieb der Würzburger Professor Dr. Herbert Csef 2006 im „Bayerischen Ärzteblatt“ anlässlich einer Würdigung zum 50 Todestag des Arztes und Schriftstellers. Andersch zitiert Csef aus einer Radiosendung mit den Worten: „Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Hans Carossa uns die ruhigste, klarste und gerade deshalb schonungsloseste Analyse des Nationalsozialismus liefern würde.“

Müller-Guttenbrunn-Weg

Adam Müller-Guttenbrunn lebte von 1852 bis 1923 und war Schriftsteller, Journalist und Theaterdirektor. Er stammte aus dem Banat, war also Donauschwabe. Darauf, dass sich die Kommission auch mit ihm beschäftigt, könnte hindeuten, dass ihr auch der Südosteuropaexperte Kührer-Wielach angehört.

Über Straßen mit seinem Namen wurde bereits in Wien und Graz diskutiert. In Graz entschied man sich dafür, die Straße nicht umzubenennen, sondern mit einem Zusatzschild zu versehen. Dessen Inschrift lautet: „Adam Müller-Guttenbrunn 1852–1923 – Schriftsteller, Journalist, Theaterdirektor. Der Donauschwabe aus dem Banat wurde in Wien mit Theaterstücken und im Spätwerk als Romanautor bekannt. Ab 1879 wirkte er als Feuilletonjournalist, leitete 1893–1896 das Raimundtheater und 1898–1903 die heutige Volksoper. Seiner radikalen Gesinnung entsprechend war die Programmgestaltung ausgeprägt antisemitisch.“

Gerhart-Hauptmann-Straße

Der Nobelpreisträger (1912) Gerhart Hauptmann blieb während der NS-Zeit in Deutschland und wird dafür immer wieder kritisiert. Er unterstützte das Regime nicht aktiv, distanzierte sich aber auch kaum öffentlich. Historiker bezeichnen seine Haltung oft als ambivalent, gehen aber trotz der Versuche der Nationalsozialisten, ihn zu vereinnahmen, nicht von einer NS-Belastung aus.

Vereinnahmt wurde Hauptman dann wegen seiner sozialkritischen Werke wie „Die Weber“ oder „Die Ratten“ auch von der DDR, unter anderem zwei Hauptmann-Museen im Kloster auf der Ostsee-Insel Hiddensee (wo er 1946 unter anderem im Beisein des damaligen SED-Präsidenten Wilhelm Pieck bestattet wurde) und in Erkner bei Berlin.

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