“Es ist auch unser Bayern”, rief alles im “Grünen Saal” im Haus der Vereine am 6. Januar Besucherinnen und Besuchern zu, als Bündnis 90/Die Grünen unter dem Motto “Weißwurst und Musi” zum Wahlkampfauftakt eingeladen hatten. Neben Weißwurst – traditionell und vegan – gab es bayerisches Bier, bayerischen Senf, bayerische Brezn, (auch) bayerische Musik mit HimpslBRASS aus Unterbiberg und am Ende lag sogar noch der Text der Bayernhymne auf dem Tisch aus. Das hatten viele so nicht erwartet.
Schließlich hat der “Landesvater” in den vergangenen Jahren alles getan, um die Grünen als trübsinnige Verbotspartei dastehen zu lassen, die zum Lachen ins dritte Untergeschoss geht, an Feiertagen an einer krumm gewachsenen Bio-Möhre zuzelt und vor allem – und das wäre das Schlimmste – irgendwie “norddeutsch” ist.

Das war eine geschickte Kommunikationsstrategie, um den politischen Gegner auszugrenzen, vor den eigenen Anhängern lächerlich zu machen und Sachdiskussionen zu vermeiden. Auf kommunaler Ebene funktioniert die aber nur bedingt. Denn hier geht es nicht um abstrake politische Ziele, sondern um die Anliegen der Menschen vor Ort – die wiederum von Menschen vor Ort geregelt werden. Von Bayer zu Bayer sozusagen. Oder von Bayer:in zu Bayer:in – wenn ´s denn sein muss.
Weitergebracht habe diese Strategie Bayern zudem nicht wirklich – darin waren sich – wenig überraschend – alle Redner einig. Jetzt zur Kommunalwahl, wo es in erster Linie um die unmittelbare Umgebung– also die “Um-Welt” – geht, hoffen sie mit sachlichen Schwerpunkten auf kommunaler Ebene, also in den Städten und Landkreisen, punkten zu können.
Johanna Krichling als Spitzenkandidatin
Johanna Krichling, wird bei den Stadtratswahlen bei den Grünen auf Listenplatz 1 stehen. Sie sieht vor allem Bedarf an mehr Grünflächen, hat als Mutter selbst festgestellt, dass es auf Spielplätzen zu wenig Schatten gibt und ist grundsätzlich mit dem Nahverkehr und den Radl-Möglichkeiten in Unterschleißheim zufrieden. Bissl was geht aber immer – ihrer Ansicht nach auch bei der Radfahrfreundlichkeit der Kommune.

Krichling hebt auch die kulturelle Vielfalt in Unterschleißheim hervor, die es noch zu fördern gelte, bedauert aber auch, dass es trotzdem “Rassismus und Faschismus gibt – auch bei uns im Stadtparlament”.
Bürgermeisterkandidat Bernhard Schüßler
Als er sich entschlossen habe, als Bürgermeisterkandidat anzutreten, habe er viele ermutigende Worte und viele Ratschläge erhalten, berichtete Bernhard Schüßler. Tipps seien etwa gewesen er solle sich die Haare schneiden lassen oder er müsste verheiratet sein – “ich habe ja noch zwei Monate Zeit”, scherzte er. Oft sei er aber auch gefragt worden, ob er das mit seiner Sehbehinderung schaffen könne. Das habe ihm gezeigt: “vielleicht gibt es zu wenig Politiker mit Sehbehinderung, denn es gibt heute viele Hilfsmittel.”

Und schließlich: warum nicht? Schüßler kam als Schüler nach Unterschleißheim an das Sehbehindertenzentrum (SBZ) und machte dort seinen Realschulabschluss. “Ich habe mich schnell in die Stadt verliebt”, sagt er. Ausschlaggebend dafür seien der Zusammenhalt und das Miteinander gewesen. Und beides wolle er besonders fördern.
“Ich kann nicht E-Scooter fahren – aber ich kann inzwischen gut darüber steigen”, sagte er. “Und ja, ich steige an der Le-Crès-Brücke manchmal in den falschen Bus ein, wenn er falsch angesagt wird, aber ich kann gut mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen.”
Auf die nächsten 25 – auch mit denen unter 25
Anlässlich des Stadtjubiläums habe es viele Rückblicke gegeben. Und daran, wie Unterschleißheim war, könnten sich noch viele im Saal erinnern. Schüßler warf daher die Frage auf, wie die Stadt in 25 Jahren aussehen solle. “Trotz knapper Kassen kann man nicht aufhören, in die Zukunft zu investieren”, lautet seine Ansicht. Dies gelte insbesondere bei Schulen, Vereinen oder bezahlbarem Wohnraum für Alt und Jung.

Es müsse aber auch beim Schutz gegen Hitze und Starkregen, bei Barrierefreiheit und Inklusion sowie bei sicheren Schulwegen und Platz für alle Verkehrsteilnehmer gelten. Eine “saubere, günstige Stromversorgung mit Bürgerbeteiligung” wäre zudem ein weiteres Ziel von ihm.
Neben der langfristigen Vision stellte Schüßler aber auch konkrete, kurzfristig umsetzbare Vorschläge vor. Wohnraum ließe sich etwa durch die Umwidmung leerstehender Gewerbeflächen schaffen, als Klimafolgenanpassung sei eine Entsiegelungsoffensive erforderlich und er schlug einen “Jugend-Check” im Stadtrat vor. Der soll sicherstellen, dass keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden, ohne die Interessen junger Menschen mitzubedenken.
Landratskandidatin Marion Seitz
Marion Seitz will im Landkreis der Bürokratie an den Kragen gehen und dafür sorgen, dass der Landkreis lebenswert bleibt. “Klimawandel war früher ein Thema für Grafiken an der Wand, heute ist es ein Thema für den Landkreis”, sagte sie. Beispiele seien etwa das Hitzeschutzkonzept und ein Konzept zur Klimafolgenanpassung. Jetzt gehe es aber darum, auch umzusetzen – so dass man später einmal sagen könne: “Gut, dass wir daran gedacht und unsere Hausaufgaben gemacht haben.”

Daneben betonte Seitz “echte Wahlfreiheit in der Mobilität.” ÖPNV und Radfahren sollten kein Abenteuer mehr sei, sondern eine sinnvolle Option. Und wer im Landkreis arbeite, müsse auch im Landkreis wohnen können. Das dürfe aber nicht nur an den Kommunen hängen bleiben, hier könne auch der Landkreis starker unterstützen – ihrer Ansicht nach zum Beispiel durch mehr genossenschaftliche Modelle.
Zudem sei es ihr wichtig, dass alle die gleichen Chancen haben. Was es bedeutet, ausgegrenzt zu sein, erfuhr die Versammlung dann eindrucksvoll direkt danach: Seitz wechselte für einige Sätze in Gebärdensprache und verriet nicht, was sie da mitgeteilt hatte.
Damit der Landkreis seine Aufgaben aber auch erfüllen könne, dürfe ihm der Freistaat nicht immer mehr zusätzliche Aufgaben übertragen, ohne die auch zu finanzieren. Denn das schlage sich letztlich in den Kommunen nieder, die den Landkreis finanzieren und denen dann für eigene Belange immer weniger bleibt. Deshalb war die Botschaft von Seitz ganz klar: „Bayern, her mit dem Diridari.“




