„Mensch Ärgere Dich nicht“ kennt jeder. Aber wer weiß schon, dass es 1914 in München von Josef Friedrich Schmidt erfunden wurde? Und dass es die Keimzelle für den dann über Jahrzehnte erfolgreichen Spieleverlag Schmidt Spiele wurde, der später in unsere Nachbargemeinde Eching umzog und dort bis 1997 seinen Stammsitz hatte – bis er in finanzielle Schieflage geriet, von einer Berliner Firma aufgekauft und der Standort Eching dicht gemacht wurde?
Das ist aber nur eine der Überraschungen beim Besuch der Sonderausstellung „Die Welt im Spiel. Brettspiele aus 200 Jahren“ im Bezirksmuseum Dachau. Gleich zu Beginn des Rundgangs durch die Ausstellung lernt man zum Beispiel, was ein „Kakelorum“ ist – und darf an einem Nachbau dieses früher sehr beliebten Glücksspiels selbst einmal sein Glück versuchen. Ohne Geldeinsatz natürlich.
Während früher Spiele – insbesondere Glücksspiele – vor allem im Wirtshaus stattfanden und ein stetiges Ärgernis für Obrigkeit und Kirche waren, verlagerte sich das Spielen ab Beginn des 20 Jahrhunderts immer mehr in die eigenen vier Wände. Und neben dem reinen Zeitvertreib sollten Spiele dann auch andere Funktionen erfüllen.
Für Kinder und Jugendliche wurden Lernspiele populär, in denen es zum Beispiel darum ging, als emsiges Bienlein Honig zu sammeln und Blumen kennenzulernen oder mit ersten elektrischen Geräten in Frage- und Antwortspielen das Allgemeinwissen zu erweitern und etwa Fragen wie „Wo liegt Smyrna?“, Wo liegt Fez?“ oder „Wo liegt Port au Prince?“ zu beantworten oder im Brettspiel die „Eroberung des Nordpols“ nachzuspielen – ein heute in höchsten politischen Kreisen offensichtlich ebenfalls noch sehr beliebtes Spiel.
Faszination der Brettspiele in kompakter Ausstellung
Aber auch Unternehmen entdeckten die Faszination der Brettspiele. Ein von BP gesponsortes Spiel gab ab Mitte der 1960er Jahre Jugendlichen etwa das Gefühl, als Öl-Magnat Bohrquellen und Schifffahrtsrouten zu kontrollieren (ein offensichtlich heute in höchsten politischen Kreisen wieder sehr beliebtes Spiel).
Auch der MVV versuchte in den siebziger Jahren einmal mit einem Brettspiel, Begeisterung für sich zu wecken. Das komplexe Geflecht aus Kreisen, Zonen und Streifen, Kurzstrecken und die „Gruppen-Karten für Singles im Tagesabo für Event-Besuche außer an Sonn- und Feiertagen in ungeraden Monaten“ (oder so ähnlich), dass uns jahrzehntelang begleitet, scheint direkt dem Gehin des Spieleentwicklers entsprungen zu sein, der sich eine etwas anspruchsvollere Version seines Spieles gewünscht hat.
Wer eher für klassische Brettspiele wie Schach schwärmt, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Die schön geschnitzten Figuren aus königlichem Besitz faszinieren durch ihre Gestaltung. Eher modern kommen die Figuren des 1922 von dem als Komponisten bekannt gewordenen Arnold Schönberg entworfene „Koalitionsschach“ sind dagegen eher schlicht.
Schachfreunde dürfte aber nicht nur überraschen, dass es vier Farben gib, sondern auch, dass die unterschiedlich viele Figuren auf dem Brett haben und die nicht Läufer, Springer oder Turm heißen, sondern unter anderem Flieger, U-Boot, Maschinengewehr und Radfahrer. Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sind nicht zu übersehen.
Für Brettspielfans und alle Kulturinteressierten gibt es also viel zu entdecken – zumal hier nur ein kleiner Ausschnitt angerissen wurde. Und wem es dieser Tage draußen zu kalt ist, der kann am Ende des Rundgangs im Spielebereich nochmal einige Zeit im Warmen verbringen und seiner Spielleidenschaft frönen. Wer lieber zuhause spielt, kann für die Ausstellung – je nachdem wie intensiv die Erklärungen gelesen werden – gut eine Stunde einrechnen.
Praktische Besucherinfos
Wo?
Augsburger Straße 3, 85221 Dachau
Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 11 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag 13 bis 17 Uhr
Fachingsdienstag geschlossen
Eintritt
Erwachsene 5 Euro
Kinder zwischen 6 und 18 Jahren sowie
ermäßigt 3 Euro (Auszubildende, Schwerbehinderte, Schülerinnen und Schüler, Studierende und Bufdis)
Kinder unter 6 Jahren sind frei.
Familienkarte 9 Euro (2 Erwachsene und maximal 3 Kinder)
Auch interessant: Sonderausstellung zur Stadtgeschichte im Stadtmuseum Unterschleißheim bis 29. März verlängert.