Statistik nervt – solange sie nur aus Zahlen besteht. Sobald man sie interpretiert, wird sie spannend: Sie zeigt, wo eine Stadt steht, wohin sie sich bewegt und wo Handlungsbedarf entsteht. Wer Zahlen lesen und einordnen kann, erkennt schnell: Hinter Tabellen und Grafiken verbergen sich Geschichten über Entwicklungen, Entscheidungen und die Zukunft unserer Stadt.
Stärken, Schwächen und Sonderrollen
Mit der Statistikbroschüre „Auf einen Blick – Landkreis München in Grafiken & Zahlen 2025“ legt das Landratsamt München eine umfassende Bestandsaufnahme zur Lage des Landkreises vor. Die Zahlen reichen vom Zensus über Finanzen, Migration und Infrastruktur bis hin zum diesjährigen Schwerpunkt Kultur. Für Unterschleißheim erlauben die Daten eine klare Einordnung: Die Stadt gehört zu den wichtigsten kommunalen Akteuren im Landkreis – profitiert davon, trägt aber auch überdurchschnittlich viele Lasten.
Bevölkerung: urbanes Schwergewicht im Landkreis
Mit rund 348.000 Einwohnerinnen und Einwohnern insgesamt ist der Landkreis München einer der bevölkerungsreichsten Landkreise Deutschlands. Innerhalb dieses Gefüges nimmt Unterschleißheim eine besondere Stellung ein: Als die größte Stadt des Landkreises ist sie deutlich dichter besiedelt und urbaner geprägt als viele der übrigen 28 Kommunen, die teilweise stark dörflichen Charakter haben.
Die Altersstruktur des Landkreises zeigt einen hohen Anteil der 40- bis 66-Jährigen, gefolgt von jungen Erwachsenen und Kindern. Für Unterschleißheim bedeutet das: hohe Anforderungen an Schulen, Kitas, soziale Infrastruktur und Freizeitangebote – stärker als in kleineren Gemeinden, in denen Bevölkerungsentwicklung und Zuzug moderater verlaufen.
Arbeitsmarkt: Gewinner der Pendlerströme
Besonders deutlich hebt sich Unterschleißheim beim Thema Arbeit und Pendeln ab. Laut Statistik pendeln täglich rund 210.000 Menschen in den Landkreis München ein, während nur etwa 99.500 auspendeln. Knapp 80 Prozent der Beschäftigten im Landkreis sind Einpendler.
Städte wie Unterschleißheim gehören zu den Hauptprofiteuren dieser Entwicklung. Während viele Gemeinden überwiegend Wohnorte sind, fungiert Unterschleißheim – ähnlich wie Garching und Unterföhring – als Arbeitsstandort mit Gewerbe, Verwaltung, Dienstleistung und Industrie. Diese Rolle stärkt Steuereinnahmen, Handel und Infrastruktur, bringt aber auch erhöhte Verkehrsbelastung, Flächenknappheit und Nutzungskonflikte mit sich.
Wohnen: strukturelle Schwäche im urbanen Raum
Weniger positiv fällt der Blick auf den Wohnungsmarkt aus. Die durchschnittliche Nettokaltmiete im Landkreis liegt bei 11,70 Euro pro Quadratmeter, die durchschnittliche Wohnfläche pro Einheit bei über 100 Quadratmetern. Diese Werte spiegeln den allgemeinen Wohlstand wider – verschärfen aber gerade in urbanen Kommunen wie Unterschleißheim soziale Spannungen.
Die Eigentümerquote von 46,4 Prozent deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Bevölkerung auf den Mietmarkt angewiesen ist. In Städten ist dieser Anteil in der Regel noch niedriger. Für Unterschleißheim bedeutet das: steigender Druck auf bezahlbaren Wohnraum, begrenzte Flächen und zunehmende Verdichtung – Probleme, die in ländlicheren Gemeinden des Landkreises deutlich geringer ausfallen.
Migration und Integration: Herausforderung mit Erfahrung
Fast jede fünfte Person im Landkreis besitzt keine deutsche Staatsangehörigkeit. Insgesamt leben rund 83.000 Menschen mit ausländischem Pass im Landkreis, etwa 8.000 davon sind Geflüchtete. Städte wie Unterschleißheim stehen dabei besonders im Fokus, da sie aufgrund von Infrastruktur, Verkehrsanbindung und Wohnangebot häufiger Zielorte sind.
Gleichzeitig zeigt die Statistik: Der Anteil der Geflüchteten an der Gesamtbevölkerung bleibt unter zehn Prozent. Für Unterschleißheim bedeutet das zwar eine dauerhafte Herausforderung – aber auch langjährige Erfahrung in Integration, Ehrenamt und sozialer Arbeit, von der kleinere Gemeinden teilweise erst lernen müssen.
Kultur: überdurchschnittlich präsent und sichtbar
Der diesjährige Schwerpunkt der Broschüre macht deutlich: Kultur ist im Landkreis München kein Randthema, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Über 1.250 Vereine, davon rund 460 im Bereich Kunst, Kultur und Brauchtum, prägen das gesellschaftliche Leben.
Unterschleißheim hebt sich hier klar ab. Als Stadt verfügt es über professionelle Spielstätten, Bibliothek, Musikschule, Vereine und Veranstaltungsformate, die weit über den eigenen Bedarf hinaus wirken. Während in kleineren Gemeinden Kultur häufig ausschließlich ehrenamtlich organisiert wird, verbindet Unterschleißheim kommunale Strukturen mit bürgerschaftlichem Engagement – ein Standortvorteil, aber auch ein Kostenfaktor.
Erinnerungskultur: Verantwortung wahrgenommen
In der Übersicht zu Mahnmalen und Erinnerungsorten ist Unterschleißheim ausdrücklich genannt. Der Erinnerungsort „Flachsröste“ zur NS-Zwangsarbeit in Lohhof zeigt, dass die Stadt historische Verantwortung aktiv annimmt. Auch hier unterscheidet sich Unterschleißheim von manchen Gemeinden, in denen Erinnerungskultur weniger sichtbar oder institutionalisiert ist.
Umweltbildung und Klima: Anspruch hoch, Umsetzung komplex
Während viele statistische Themen der Broschüre eher nüchtern daherkommen, zeigt sich beim Kapitel Umweltbildung und Klima, dass der Landkreis München – und mit ihm Städte wie Unterschleißheim – längst in einer Zukunftsdebatte angekommen ist. Es geht nicht mehr nur um abstrakte Klimaziele, sondern um die Frage, wie eine wachsende, verdichtete Region lebenswert bleiben kann.
Klimaschutz: ambitionierte Ziele, reale Zielkonflikte
Mit der Initiative „29++“ verfolgt der Landkreis München das Ziel, die Klimaziele konsequent umzusetzen – gemeinsam mit allen 29 Kommunen. Die Statistikbroschüre zeigt dabei: Klimaschutz ist längst kein freiwilliges Zusatzprojekt mehr, sondern eine strukturprägende Aufgabe.
Für Unterschleißheim bedeutet das eine besondere Belastung. Als Stadt mit hohem Verkehrsaufkommen, Gewerbeansiedlungen und wachsender Bevölkerung sind Einsparpotenziale schwerer zu realisieren als in kleineren Gemeinden. Maßnahmen im Bereich Energie, Mobilität und Flächenmanagement treffen hier schneller auf Nutzungskonflikte.
Verkehr, Verdichtung, Energie: die großen Baustellen
Gerade im Klimabereich zeigt sich, wie stark sich Unterschleißheim von anderen Gemeinden unterscheidet:
- Verkehr: Als Pendlerstadt ist Unterschleißheim überdurchschnittlich vom motorisierten Individualverkehr betroffen. Klimaschutzmaßnahmen im Verkehrsbereich sind hier besonders wirksam – aber auch besonders konfliktträchtig.
- Verdichtung: Wohnraummangel zwingt zur Nachverdichtung. Gleichzeitig verschärft diese die Flächen- und Hitzeproblematik, was neue Anforderungen an Stadtplanung und Grünflächen stellt.
- Energie: Öffentliche Gebäude, Schulen und Sportanlagen bieten Potenzial für Einsparungen – erfordern aber hohe Investitionen, die kommunale Haushalte belasten.
In ländlicheren Gemeinden lassen sich Klimaschutzmaßnahmen oft einfacher umsetzen. Unterschleißheim hingegen muss komplexe Zielkonflikte moderieren, zwischen Klimaschutz, sozialer Verträglichkeit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Umweltbewusstsein als Standortfaktor
Die Statistikbroschüre macht deutlich, dass Umwelt- und Klimathemen zunehmend auch Standortfaktoren sind. Für Unterschleißheim gilt das in besonderem Maß: Als Arbeits- und Wohnstandort konkurriert die Stadt nicht nur innerhalb des Landkreises, sondern auch mit der Landeshauptstadt München. Ein glaubwürdiger Umgang mit Umweltbildung und Klimaschutz entscheidet mit darüber,
- ob sich Familien langfristig ansiedeln,
- ob Unternehmen bleiben oder kommen,
- und wie hoch die Lebensqualität wahrgenommen wird.
Finanzen: Stärke des Landkreises, Druck auf Kommunen
Der Landkreis München ist finanzstark, muss aber gleichzeitig steigende Ausgaben schultern. Die Kreisumlage liegt 2025 erstmals bei über 50 Prozent. Für große Städte wie Unterschleißheim bedeutet das: hohe Umlagezahlungen bei gleichzeitig wachsenden Investitionsbedarfen in Schulen, Verkehr, Soziales und Kultur.
Während kleinere Gemeinden geringere Lasten tragen, fungieren Städte wie Unterschleißheim als finanzielle und strukturelle Stützen des Landkreises – mit entsprechend begrenztem Spielraum.
Schlüsselstadt mit strukturellen Spannungen
Die Statistikbroschüre 2025 zeigt klar: Unterschleißheim gehört zu den zentralen Motoren des Landkreises München. Die Stadt ist Arbeitsstandort, Wohnort, Kulturträger und Integrationsraum zugleich. Gerade diese Vielschichtigkeit unterscheidet sie von vielen der 28 anderen Gemeinden.
Doch die Kehrseite ist ebenso deutlich: Wohnraummangel, Flächendruck, Verkehr und steigende Kosten treffen Unterschleißheim früher und stärker als andere. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, diese Rolle aktiv zu gestalten – damit die Stärken nicht von den Belastungen überholt werden.
„Auf einen Blick“ – Online und als Broschüre erhältlich
Die Broschüre ist ab sofort kostenlos erhältlich. Sie kann entweder per E-Mail an pressestelle@lra-m.bayern.de bestellt oder digital auf der Website des Landkreises unter www.landkreis-muenchen.de/broschueren heruntergeladen werden.




